Ein Übungstorpedo versenkt die „Sigrid“
Am 10. August 1926 kommt es in der Ostsee zu einem ungewöhnlichen und folgenreichen Unfall. Während einer nächtlichen Torpedoübung der deutschen Reichsmarine wird der dänische Segler „Sigrid“ von einem Übungstorpedo getroffen. Die fünfköpfige Besatzung kann gerettet werden – das Schiff selbst ist nicht zu retten.
Es ist kurz vor Mitternacht. Die „Sigrid“, eine kleine dänische Galeasse aus Fredericia, befindet sich auf der Reise von Lübeck nach Kopenhagen. An Bord befinden sich rund 92 Tonnen Porzellanerde. Das Schiff ist damit ein typischer kleiner Frachtensegler jener Zeit, der zwischen den Häfen der Ostsee unterwegs ist.
Zur gleichen Zeit führen deutsche Torpedoboote in der Ostsee eine nächtliche Schießübung durch. Die Reichsmarine befindet sich damals in einer besonderen Situation. Nach dem Ersten Weltkrieg ist ihre Stärke durch den Versailler Vertrag erheblich begrenzt. Dennoch muss die Marine ihre Besatzungen ausbilden und den Umgang mit ihren Waffen und Geräten trainieren. Torpedoübungen gehören zu den wichtigen Ausbildungsaufgaben.

An der Übung sind die Torpedoboote „S 18 und S 19“ beteiligt. Beide Boote stammen aus der Zeit der Kaiserlichen Marine und waren nach dem Krieg in die Reichsmarine übernommen worden.

Quelle: Die deutsche Flotte 1845 – 1945. Kroschel-Evers
8. Auflage
Ein Torpedo trifft den Segler
In der Dunkelheit kommt es zum Unglück: Ein „blinder Übungstorpedo“ trifft die „Sigrid“.
„Blind“ bedeutet in diesem Zusammenhang, dass es sich um einen Übungstorpedo und nicht um einen Gefechtstorpedo mit Sprengladung handelt. Dennoch besitzt ein solcher Torpedo eine erhebliche Masse und Geschwindigkeit. Der Zusammenstoß reißt ein großes Leck in den Rumpf des kleinen Seglers.
Die „Sigrid“ gerät unmittelbar in Sinkgefahr.
Die Besatzungen der deutschen Torpedoboote reagieren sofort. S 18 und S 19 gehen längsseits. Mit Stahlleinen versuchen die Männer, den beschädigten Segler zu sichern und abzuschleppen. Die fünf dänischen Seeleute werden von S 18 übernommen und damit zunächst aus der unmittelbaren Gefahr gebracht.
Doch der Bergungsversuch scheitert. Eine der Stahlleinen reißt. Die „Sigrid“ kann nicht mehr gehalten werden und sinkt schließlich auf etwa 25 Meter Wassertiefe.
Für die fünf Seeleute endet die Fahrt glimpflich. S 18 bringt sie nach Kiel, wo sie dem dänischen Konsulat übergeben werden. Für die Besatzung ist das Unglück damit überstanden – für die „Sigrid“ jedoch ist die Reise endgültig beendet.
Ein kleiner Segler zwischen zwei Welten
Der Unfall zeigt zugleich, wie dicht sich damals militärische Ausbildung und ziviler Schiffsverkehr auf der Ostsee begegneten.
Die Ostsee war 1926 ein stark befahrenes Verkehrsgebiet. Frachter, Segler und Passagierschiffe verbanden die deutschen, dänischen, schwedischen und baltischen Häfen. Gleichzeitig nutzte die Reichsmarine die Ostsee für Übungen und Ausbildung. Nächtliche Torpedoübungen stellten dabei hohe Anforderungen an die beteiligten Besatzungen. Dunkelheit, eingeschränkte Sicht und die Schwierigkeit, die Lage eines zivilen Schiffes rechtzeitig zu erkennen, erhöhten das Risiko.
Der Unfall war deshalb mehr als ein bloßer Materialschaden. Ein ziviles Schiff eines neutralen Nachbarlandes war durch eine deutsche Marineübung verloren gegangen.
Die Reichsmarine im Jahr 1926
Der Vorfall ereignete sich in einer interessanten Phase der deutschen Marinegeschichte.
Die Reichsmarine stand unter dem Kommando von Admiral Hans Zenker, der seit 1924 Chef der Marineleitung war. Seine Aufgabe bestand unter anderem darin, die Reichsmarine nach den politischen und militärischen Erschütterungen des Ersten Weltkriegs neu zu organisieren und innerhalb der Beschränkungen des Versailler Vertrags eine einsatzfähige Marine zu erhalten.
Gleichzeitig begann die Reichsmarine bereits damit, neue Schiffstypen zu entwickeln. Im selben Jahr 1926 wurde beispielsweise das neue Torpedoboot „Möwe“ auf der Reichsmarinewerft Wilhelmshaven fertiggestellt; am 1. Oktober 1926 sollte es in Dienst gestellt werden. Damit begann eine neue Generation deutscher Torpedoboote, die später durch weitere Boote ergänzt wurde.
Die „Sigrid“ wurde dagegen von zwei älteren Torpedobooten getroffen, die aus der Kaiserzeit stammten. S 18 war 1912 auf Kiel gelegt und 1913 in Dienst gestellt worden; S 19 folgte ebenfalls 1912/13. Beide blieben mehrere Jahre in der Reichsmarine und wurden erst 1931 endgültig ausgemustert.
So treffen bei diesem Unglück zwei Epochen aufeinander: der kleine zivile Segler aus der traditionellen Ostseeschifffahrt und die aus dem Kaiserreich stammenden Kriegsschiffe der jungen Weimarer Republik.
Was aus der „Sigrid“ wurde
Nach ihrem Untergang geriet die „Sigrid“ zunächst in Vergessenheit. Das Wrack lag auf dem Grund der Ostsee. Die genaue Lage blieb offenbar lange Zeit unsicher. Später wurde die Untergangsstelle in den nautischen Unterlagen berücksichtigt. Ein dänischer Bericht aus dem Jahr 1926 nennt ausdrücklich den Untergang am 10. August 1926 im Fehmarnbelt und bestätigt die Bergungsversuche durch S 18 und S 19.
Fast neun Jahrzehnte später rückte das Wrack wieder in den Blickpunkt der Unterwasserarchäologie. 2017 untersuchten Taucher ein etwa 20 Meter langes Holzwrack rund acht Seemeilen vor Kühlungsborn in etwa 25 Metern Tiefe. Aufgrund der Lage, der Bauart und der Ladung wurde vermutet, dass es sich um die „Sigrid“ handeln könnte. Eine endgültige Identifizierung war zu diesem Zeitpunkt nicht gesichert.
Ein Unfall, der Geschichte erzählt
Der Untergang der „Sigrid“ war kein Gefecht und keine spektakuläre Seeschlacht. Es war ein Unfall während einer militärischen Übung.
Er erzählt von der schwierigen Lage der Reichsmarine nach dem Ersten Weltkrieg, von der Ausbildung ihrer Besatzungen, von der Bedeutung der Ostsee als Verkehrsraum und von den Gefahren, die entstehen konnten, wenn militärischer Übungsbetrieb und zivile Schifffahrt aufeinandertrafen.
Und er erinnert daran, dass hinter den großen Begriffen wie Reichsmarine, Versailles, Torpedoausbildung und Flottenpolitik immer einzelne Schiffe und Menschen standen.
Am 10. August 1926 waren es fünf dänische Seeleute, die ihre Reise nach Kopenhagen nicht fortsetzen konnten – und eine kleine Galeasse namens „Sigrid“, die für immer auf dem Grund der Ostsee blieb.
Vor 100 Jahren – ein kleiner Ostseeunfall, der heute noch eine Geschichte zu erzählen hat.
Quellen: zeitgenössische Presseberichte aus dem August 1926; dänische amtliche Schiffsverlustaufzeichnungen; Berichte zur späteren Untersuchung des Wracks.