Der „Eilath-Vorfall“ vom 21. Oktober 1967 und seine Folgen für die Bundesmarine
Am Abend des 21. Oktober 1967 patrouillierte der israelische Zerstörer INS Eilat vor der Küste von Port Said. Was zunächst wie ein Routineeinsatz nach dem Sechstagekrieg erschien, entwickelte sich zu einem Wendepunkt der Marinegeschichte. Zwei ägyptische Schnellboote der Komar-Klasse feuerten sowjetische Styx-Seezielflugkörper (P-15 Termit) auf den Zerstörer ab. Mehrere Treffer führten zum Untergang des Schiffes; 47 israelische Seeleute verloren ihr Leben.


Sowjetischer Seezielflugkörper vom Typ P-15 Termit (NATO: SS-N-2 Styx). Quelle: Missile Defense Advocacy Alliance / P-15 Termit (SS-N-2 Styx)
Erstmals war ein Kriegsschiff durch Seezielflugkörper versenkt worden. Der „Eilath-Vorfall“ markierte den Übergang von der klassischen Artillerieseeschlacht zum Raketenzeitalter und zwang nahezu alle Marinen der Welt zu einem grundlegenden Umdenken – darunter auch die Bundesmarine.
Das Ende der klassischen Seemacht
Bis dahin bestimmten Größe, Panzerung und schwere Geschütze das Bild moderner Kriegsschiffe. Die Versenkung der Eilat zeigte jedoch, dass ein kleines, vergleichsweise kostengünstiges Schnellboot ein weit größeres Kriegsschiff aus sicherer Entfernung vernichten konnte.
Damit verlor die Tonnage ihre bisherige Bedeutung als Maßstab maritimer Überlegenheit. Große Kampfschiffe galten fortan als verwundbar, sofern sie nicht über wirksame Raketenabwehr und moderne elektronische Schutzsysteme verfügten. Besonders in engen Randmeeren wie der Ostsee gewann diese Erkenntnis enorme Bedeutung.
Konsequenzen für die Bundesmarine
Für die Bundesmarine bestätigte der Vorfall eine bereits erkannte Bedrohung. Im Kalten Krieg standen in der Ostsee zahlreiche sowjetische und ostdeutsche Schnellboote der Komar- und Osa-Klasse mit Seezielflugkörpern bereit. Das, was vor Port Said geschehen war, konnte sich grundsätzlich auch in der Ostsee wiederholen.
Die Modernisierung der Bundesmarine wurde deshalb Anfang der 1970er Jahre deutlich beschleunigt.
Wesentliche Maßnahmen waren:
- Einführung eigener Seezielflugkörper: Die französische Exocet MM38 machte die Rakete zur Hauptwaffe der Überwasserstreitkräfte; die klassische Rohrartillerie trat zunehmend in den Hintergrund.
- Ausbau der Schnellbootflotte: Kleine, schnelle und schwer bewaffnete Einheiten wurden zum Kern der deutschen Ostseeverteidigung. Besonders die Klasse 148 (Tiger-Klasse) sowie später die Klassen 143 (Albatros) und 143A (Gepard) verbanden hohe Geschwindigkeit mit großer Feuerkraft und moderner Elektronischer Kampfführung.
Die Geburt der modernen Elektronischen Kampfführung
Die Eilat konnte die anfliegenden Raketen weder rechtzeitig erkennen noch wirksam abwehren. Daraus entstand ein völlig neues Schwerpunktgebiet der Seekriegsführung.
Elektronische Kampfführung (EloKa) entwickelte sich zu einem unverzichtbaren Bestandteil jedes Kriegsschiffes. Radarsensoren, Störsender (Jamming) sowie Täuschkörperwerfer (Chaff/Düppel) sollten gegnerische Flugkörper täuschen oder ihre Zielsuche stören.
Gleichzeitig zeigte sich, dass herkömmliche Flugabwehrgeschütze gegen schnell anfliegende, dicht über der Wasseroberfläche fliegende Seezielflugkörper kaum noch wirksam waren. Dies führte später zur Entwicklung automatisierter Nahbereichsverteidigungssysteme (CIWS) wie RAM oder Phalanx, die heute zur Standardausrüstung moderner Kriegsschiffe gehören.
Die Bestätigung: Die Seeschlacht von Latakia 1973
Wie erfolgreich die Lehren aus dem Eilath-Vorfall umgesetzt worden waren, zeigte die israelische Marine im Jom-Kippur-Krieg.
In der Seeschlacht von Latakia griffen syrische Schnellboote erneut mit Styx-Flugkörpern an. Diesmal verfügten die israelischen Sa’ar-Schnellboote jedoch über moderne elektronische Gegenmaßnahmen. Sämtliche syrischen Raketen wurden durch Täusch- und Störmaßnahmen wirkungslos gemacht. Anschließend versenkten die israelischen Boote ihre Gegner mit eigenen Gabriel-Seezielflugkörpern, ohne selbst Verluste zu erleiden.
Latakia bestätigte eindrucksvoll, dass moderne Sensorik, Elektronische Kampfführung und präzise Raketenbewaffnung die Seekriegsführung dauerhaft verändert hatten.
Bedeutung bis heute
Der Eilath-Vorfall war weit mehr als die Versenkung eines einzelnen Kriegsschiffes. Er veränderte die Entwicklung moderner Marinen grundlegend. Die Bundesmarine zog daraus frühzeitig die richtigen Konsequenzen: moderne Seezielflugkörper, leistungsfähige Schnellboote und der konsequente Ausbau der Elektronischen Kampfführung wurden zu tragenden Säulen ihrer Einsatzdoktrin.

Viele dieser damals entwickelten Grundsätze gelten bis heute. Moderne Kriegsschiffe sind nicht allein durch ihre Bewaffnung stark, sondern vor allem durch das Zusammenspiel von Sensorik, elektronischer Kampfführung, Flugkörperabwehr und vernetzter Operationsführung.
Erinnerungen unserer Kameraden
Viele Mitglieder unserer Marinekameradschaft haben auf den Schnellbooten der Tiger-, Albatros- oder Gepard-Klassegedient oder die Einführung der Exocet-Flugkörper und moderner EloKa-Systeme selbst erlebt.
Welche Erinnerungen verbinden Sie mit dieser Zeit? Berichten Sie von Ihren Erfahrungen an Bord, von Übungen oder den ersten Flugkörperschießen. Ihre persönlichen Erlebnisse sind ein wichtiger Teil der Geschichte unserer Marine und bereichern jeden Bordabend ebenso wie unsere Homepage.